Ein ungutes Gefühl habe ich ja immer, wenn ich deutsche und englische Worte durcheinander mische und eine Wortschöpfung entsteht, welche nur die Eingeweihten verstehen, der Rest der Leserschaft aber gleich abhängt.
Nun für Börsencommunities fällt mir keine geeignetere Bezeichnung ein.
Mit gemischten Gefühlen betrachte ich die neue Communities Welle im Internet. Der Nachteil eines fast 40-jährigen Alters ist die Fülle an Erfahrungen, die grundsätzlich immer zur anfänglichen Skepsis, Ablehnung bzw. Erstarrung beim Entscheidungszwang führen. „Alles schon gewesen“. „Alter Wein in neuen Schläuchen“. Andererseits kommt bei mir wie schon seit Jahren die Begeisterung für neue Ideen, Lösungen und Technologien. Die Anzahl der Communities im deutschsprachigen Raum wächst stetig. Mittlerweile werden sie sogar ersteigert wie brokr.de. Etablierte Häuser wie Onvista bieten eigene Communties an ( www.tradingbird.de).
Um was geht es bei dieser wiedergeborenen Börsenspielerei? Ist es die vielbeschworene Vereinigung der Web 2.0 Idee mit Finanzen? Von wegen. Daran kann ich nur schwer glauben. Wenn es so wäre, dann haben wir es mit eine Art Oktoberrevolution 2.0 zu tun. Der Grudngedanke von Web 2.00 sind nach meinem laienhaften Verständnis die Transparenz und freier Austausch von Informationen. Ist dies auch bei Finanzen möglich? Werden Menschen offen darüber reden, was sie mit ihrem Geld tun? Oder bleibt es bei Empfehlungen, Tipps, Analysen, Recherchen und (nicht)Insiderwissen? Wenn es so ist, dann was haben wir alle davon? Musterdepots gab es schon 1996. Und Börsenspiele mit transparenten Portfolien sogar früher. OK, heutzutage sind die technologischen Möglichkeiten breiter. Man kann die Performance besser überwachen und auch ewarte ich , dass die Analysen, von Laien erstellt, authentischer sind. Oft erfährt man etwas , was nur ein Gerücht ist, was aber die Märkte durchaus bewegen kann. Sofort wissen es viele andere Spieler.
Ein richtiger Durchbruch, eine Revolution hätten wir dann, wenn Menschen auch ihre tatsächliche finanziellen Aktivitäten aufzeigen. Also wenn ein „Aktienjäger “ bei der Community XXX eine Aktie YY empfiehlt, und ich weiss, dass er sie seit 2 Monaten im Depot hat, und heute 100 Stück dazukaufte. Dann glaube ich auch an die Ernsthaftigkeit seine Ausführungen zu dieser Aktie.
Werden es aber die Teilnehmer diverse Foren/Communities irgendwann tun? Wohl kaum. Ein Blick bei www.tradingbird.de reicht, um die wahren Intentionen der Teilnehmer aufzuspüren. Was sehen wir dort unter Top Kauf und Verkauf:
DAX- Long und Short Zertifikate
– Citigroup
– Phoenix
alsi alles was auch woanderes gehandelt wird.
Zwei Schlussfolgerungen drängen sich dann:
1. Auf sachliche Analysen kommt es gar nicht so richtig aan, sondern auf schnellen Gewinn mit Hebelprodukten ( Zertifikate) bzw. mit spekulativen Aktien. Analysen bei vielen Topprodukten sind gar nicht vorhanden. Es ist auch nicht schlimm. Man kann doch damit zeigen, wie gut man (intraday) traden kann. Es sei gegönnt. Es gibt auch gute Analysen, ohne Frage. Außerdem man erfährt vieles so nebenbei.
2. Zweite Folgerung ist die offensichtliche Tatsache, dass hier über Scheintrading berichtet wird. Es macht doch verdammt viel aus, einen Optionsschein mit Hebel 50 mit eigenem Geld oder nur auf Papier zu handeln. Wie gesagt ein wahrer Durchbruch gelänge uns, wenn wir wirklich wüssten, was die Leute selbst kaufen. Eine solche Transparenz würde die heutige Charttechnik völlig auf den Kopf stellen.
Wir hätten dann statt einfach nur den Kurs und Tagesvolumen zu erfahren, folgende Infos zur Verfügung: Die Aktie XXX wurde heute von 10.000 Teilnehmer gekauft und wieder verkauft. 200 haben diese Aktie über nacht gehalten. und 1000 verkauften ihre alten Bestände, die sie im Schnitt 2 Monate gahalten hatten. Die meisten Aufträge kamen von Kleininvestoren (Auftragsvolumen unter 50.000). Großinvestoren waren nur aus dem englischsprachigen Raum aktiv.
So eine Informationsfülle stellt ganz andere Herausforderungen an die Spieler, die sie zu interpretieren versuchen. Es wäre für mich ein Traum!!!
Leider sind wir noch Welten davon entfernt. Vor allem aber zweifle ich stark an, dass die Spieler( Börsianer) mitmachen würden. Geld sei schliesslich etwas Heiliges und Privates.
Letzten Endes aber , wer weiss wohin diese Entwicklung uns führen wird. In fünf Jahren ist man schlauer. Es gibt bereits jetzt sehr professionell gemachte Seiten wie sharewise.com, die sich einen hohen Anspruch stellen und ihre Schwerpunkte klar definieren. Ich denke deshalb trotz allem, dass hier noch viel Musik drin ist.
Ein Kommentar zu “Sinn und Zweck der Börsencommunities”