Wie sinnlos sind die Börsenanalysen

Ich nenne sie einfach so- Börsenanalysen Gemeint sind die vielen Kommentare, Prognosen, Einschätzungen, die täglich in papierhafter und elektronischer Form erscheinen. Verbreitet werden diese „wertvollen“ und sehr „hilfreichen“ News meist über etablierte Medien aber zuletzt auch zunehmend durch private Analysten, die in den geeigneten Foren und sonstigen interaktiven Medien ihre Meinung mal äussern dürfen. Es ist gut so, denn man sieht, dass sie genauso selten wie die etablierten Analysten Recht haben und ähnlich naiv denken.

Ich schaute mir die letzten Wochen in den gängigen Medien an. Unter Derivatecheck.de finden Sie regelmäßig und gut sortiert , aber um so wenig brauchbare „Analysen“. Letzten Endes lohnt es sich gar nicht diese zu lesen, da dank ihrer sprachlichen Perfektion und scheinbaren logischen Nachvollziehbarkeit, verleiten sie den Leser dazu , an sie zu glauben. Es reicht, die Titel zu lesen und man sofort weiss, nach welcher Logik sie enstehen. Fallen die Märkte, dann sind die Prognosen negativ, steigen sie, dann eben ist der Ausblick positiv. Nicht mehr nicht weniger.

Anfang der Woche lese ich folgende Schlagzeilen:
18.05.09 , HSBC Trinkaus & Burkhardt
Euro STOXX50, Erholungs-Rally beendet?
18.05.09 , IG Markets
Euro STOXX50, mittelfristig Korrektur
18.05.09 , animusX
DAX-Sentiment, herber Dämpfer
18.05.09 , Lang & Schwarz
Dow Jones, negative Indikatorenlage

Dabei gab es keinen Grund, irgendwelche Prognosen aufzustellen, denn die charttechnische Lage am letzten Freitag war neutral, d.h. ausgeglichenes Verhältnis zwischen Nachfrage und Angebot. Nicht mehr nicht weniger. OK, es gab ein paar schlechte Nachrichten am Wochenende. Oder anders gesagt war der Ausblick eher negativ. Mit technischer Analyse hat dies aber nichts zu tun. Sorry.
OK, es gab auch wenige kluge Köpfe, die die tatsächliche Lage richtig erkannten, wie etwa
18.05.09 , HSBC Trinkaus & Burkhardt
DAX, Pattsituation

Nachdem die Märkte gleich am Wochenanfang anzogen, wechselten die Analysten sofort die Lager.
19.05.09 , Tradematiker
DAX, ungewöhnliches Stärkezeichen
19.05.09 , Helaba
DAX, Angriff auf das 5.000er Niveau?
19.05.09 , IG Markets
DAX, doppelter Boden
19.05.09 , DZ BANK
DAX, Abschluss der Konsoldierungsformation?

Es gab zwar ein paar Zweifler aber heute morgen waren sich alle sicher
21.05.09 , IG Markets
DAX, es geht weiter aufwärts

Und … es ging abwärts.

Warum beschäftigen Banken technische Analysten überhaupt? Diese Leute verdienen direkt nach dem Studium um die 40.000 €, nach fünf Jahren sogar mehr als 70.000 und wenn sie es bis zum Vice President (Prokurist) schaffen, dann können es sogar 90.000 und mehr werden. Von directors gar zu schweigen, deren Gehalt zwischen 100.000 und 200.000 liegen kann.
Dieses viele Geld lassen sich Banken und Investmenthäuser kosten, nur um Esoterik zu betreiben.
Warum sagt man der Öffentlichkeit nicht die Wahrheit über die Finanzmärkte? Es gibt nur zwei Ausgangspositionen für den Finanzanalysten, der über Börse schreibt:

1. Ich weiss mehr als die anderen. Entweder kenne ich fundamentale Daten, die noch nicht allen bekannt sind. Dann kann ich mich strafbar machen durch deren Veröffentlichung. Oder ich habe durch meine eigene Forschungsarbeit Ineffizienzen in den Märkten entdeckt. Die lassen ebenfalls auf eine küftige Entwicklung schliessen und Geld machen In dem Falle werde ich zwar nicht bestraft, wohl aber werden mich die mesten Menschen für verrückt halten. Wer gibt einen goldenen Esel einfach so ab…?
Jedenfalls solchen Analysten würde ich auch glauben.

2. Ich weiss nicht mehr als die anderen. Dann kann ich höchstens als einzige Informationsquelle die historischen öffentlich zugänglichen Daten nehmen und Analogien zur Gegenwart suchen. Das ist aber sehr sehr gewagt. Zwar widerholen sich die charttechnischen Konstellationen immer wieder. Die Risiken aber sind nicht konstant. Wenn also statistisch nach einem Hammer die Aktienkurse steigen, dann tun sie das auf sehr unterschiedliche Weise: sofort stark, mehrere Tage nur wenig, zuerst stark steigen dann fallen usw. Allein die Aussage, jetzt steigt es, reicht nicht, um nicht Geld zu verlieren.

Ich vermisse in den Analysen ob im Internet, n-TV oder in der Literatur mehr Seriosität und wissenschaftliche Belege. Warum schreibt man nicht zum Beispiel:
Im Moment fehlen Impulse aus der Wirtschaft, deshalb orientieren sich die meisten Trader und Anleger ausschliesslich an den historischen Kursen un den dort ausgemachten markanten Kurszielen. Diese werden durch Fibonacci Korrekturen des vorhergehenden Trends und durch die Trendbegrenzungen definiert. Dennoch ist bei jetziger Volatilität mit einem unerwarteten Ausgang des heutigen Tradingtages zu rechnen. Die Handelsspanne beträgt schätzungsweise 100 Punkte plus minus 30. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 10% kann die Handelsspanne sogar 250 Punkte betragen.
Es gibt immer wieder Versuche, so formulierte Analysen zu schreiben. Uwe Wagner hat unter derivatecheck, de früher in diesem Still geschrieben und auf die Eintrittswahrscheinlichkeiten verwiesen. Irgendwann war er aber aus der Bühne verschwunden.

Also noch einmal liebe Analysten- mehr Risikomanagement , mehr Objektivität. Wenn man heute nichts (neues) sagen kann, dann schweige man oder gehe lieber mit der (einer) Frau Vodka trinken, höre Musik etc.

Aber Profianalysten stehen nicht alleine mit ihren Fehlprognosen da. Unter http://www.sharewise.de schreiben zum Beispiel viele Hobbyanalysten ihre Einschätzung. Ich habe mir die Commerzbankaktie ( mein Liebling) ausgesucht. Und was sehen wir dort? Bis zum 8.05 gab es fast nur Kaufempfehlungen
http://www.sharewise.com/aktien/DE0008032004-commerzbank/analysen-empfehlungen?type=user
Damals stieg die Aktie auf fast 7 €. Alle haben sie zum Kauf empfohlen. Danach stürzte der Kurs und prompt kamen Verkaufsempfehlungen, geleitet vom Geschäftsführer Nico Plögert, der sogar strong sell empfohlen hat. So gut so schön. Am 17.05 zog der Kurs an und wir sehen erneut zwei „Buys“.
Kurz und bündig die Hobbyanalysten (oder Privatspieler), die ihre Prognosen schreiben wissen genauso viel wie die Profis, die das gleiche tun, nämlich sehr wenig.

Finanzmärkte bleiben reine Spekulation, ein Nullsummenspiel, ähnlich wie Roulette, haben aber doch einen Einluss auf die Realwirtschaft, der nicht kleiner sein könnte als der in die umgekehrte Richtung. Aber das ist schon eine andere Geschichte.

Veröffentlicht von Option_Basil

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