Schreiben über Märkte ist so eine Sache- eine Symbiose aus Pseudowissenschaft, Wunschdenken, Besserwisserei, Naivität und systematischer Fehlinterpretation der öffentlich bekannten Tatsachen.
Besonders der letzten Eigenschaft sollte wir ein paar Augenblicke widmen.
Warum kauft man Aktien? Weil das Unternehmen Geld verdient? Woh kaum, denn der ausgewiesene Gewinn für das vergangene Jahr oft keine große Aussagekraft hat und nur vage Schlüsse auf das neue Jahr zulässt. Beispiel- Gildemeister- Aktie über die ich oft geschrieben habe. Das Unternehmen hat viel Geld in den letzten Jahren verdient, u.a. Dank dem staatlich finanzierten Boom der erneuerbaren Energien. In der Bilanz sieht es nach wie vor gut aus, die Aktie fällt jedoch seit Monaten.
Also wenn nicht Gewinne, dann vielleicht die Erwartungshaltung zu der künftigen Gewinnentwicklung mag ja die Börsenkurse beeinflussen. Auch das nicht, denn die allgemeine sprich öffentliche Einschätzung zu einem Unternehmen ist ja die eine Seite der Medallie. Die andere, die viel mehr ins Gewicht fällt, ist die Reaktion der handelnden Masse auf die allgemeine Einschätzung zum Unternehmen. Und lezzten Endes steht meine Einschätzung der Reaktion der Börsianer auf die Erwartungshaltung zum Unternehmen im Vordergrund, wenn ich Aktien kaufe.
Aber dann kann man doch kein Geld an der Börse machen. Denn wenn ich zum Beispiel die Aktie der Deutschen Post kaufe, dann gehe ich davon aus, dass aufgrund der allgemeinen Nachrichtenlage über die Erwartungshaltung bez. der Gewinnentwicklung des Unternehmens die breite Mehrheit der Börsianer höhere Preise für die Aktie zahlen wird, in Erwartung ähnlicher Reaktion seitens anderer Börsianer wie ich es eben tue.
Das ist aber sehr naiv. Denn die allgemeine Nachrichtenlage ist ja in den Kursen längst eingepreist und der folgende Anstieg eine reine Glückssache ist. Ich sollte also immer Finger weg von Aktien lassen, es sei denn, ich erwarte eine Dividende oder bin im Besitz nicht-öffentlicher Nachrichten, die mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer positiven Reaktion der Börsianer führen werden. Da ich es aber nicht bin, dann kann ich die ganze sog. fundamentale Analyse sein lassen.
Anders sieht es mit der technischen Analyse aus ( Chartanalyse). Denn diese schaut zwar auch auf die Kurshistorie wie die fundamentale Analyse alte Bilanzzahlen auswertet. Der entscheidende Unterschied ist jedoch die realistische Einschätzung der künftigen Kursentwicklung. Hier liegt eine einfache und richtige Annahme zu grunde. Egal wie die Nachrichtenlage zum Unternehmen ist, die Reaktion des Marktes folgt bestimmten reproduzierbaren Gesetzen. Ich stelle es mir so vor, wie mit einem Tischtennisball gegen die Wand spielen. Je stärke der Aufschlag, desto weiter fliegt der Pink-pong abgeprallt zurück.
Die Reaktion des Marktes ist viel komplexer, aber sie bleibt nur die Reaktion eines technischen Gebildes, welches aus vernetzten Börsianer besteht, die widerum endlich viel Geld haben, welches sie schnell aber auch nicht sofort einsetzen und so weiter. Unter anderem die Rahmenbedingungen definieren die Reaktion
Der DAX folgt eben einem solchen reproduzierbaren Gesetz. Wie im angehängten Chart sichtbar (mit freundlicher Genehmigung von http://www.tradesignalonline.com) befindet sich seit 17.02 der Index im Aufwärtstrend, mit einer Steigungsrate, die der vom März 2009 gleich ist. Hier reagiert der Markt also identisch, obwohl wir eine ganz andere Nachrichtenlage haben.
Mit jetziger Steigungsrate steht der DAX in drei Wochen (kleiner Verfall) bei 6400. Bei diesem Wert wird es hektischer sein, da hier auch die Fibonacci-Maximalkorrektur des großen Abwärtstrends aus den Jahren 2007-2009 verläuft. Das Überschreiten dieses Niveaus wird die Hausse, in der wir uns befinden untermauern und eine Art Hysterie auslösen… bis zur nächsten Krise.
Oder glaubt nocht jemand, der DAX wird bei 6400 doch noch drehen???
Mein Indikator DAX daily zeigt seit 24.03 long.

Den Einstieg in diesen Artikel finde ich genial. Und plötzlich landen Sie dann bei der Charttechnik. Ehrlich gesagt empfinde ich genauso. Aus irgend einem Grund (wahrscheinlich einem fundamentalen Grund) analysiert man eine Aktie mit der technischen Methode und lässt sich dabei hoffentlich nicht durch die im ersten Absatz genannten Dinge ablenken. Dann würde man nämlich auch das charttechnische Ergebnis verfälschen!
Danke. Ich muss sagen, mein Problem ist die Hilfslosigkeit. Es gibt bereits Modelle zur Beschreibung der Kursbildung. Die sind aber sehr vereinfacht und trotzdem extrem kompliziert im Vergleich zur Charttechnik. Diese reduziert die Komplexität mit vielen unberechenbaren Akteuren
auf wenige Summenergebnisse wie Kurs und Volumen. ICh weiss wissenschaftlich ist es nicht. Aber diese Summeneffekte folgen scheinbar doch bestimmten Gesetzen.
Übrigens, ich betrachte die Kurse wirklich unabhängig von den im ersten Absatz genannten Faktoren. Manchmal ist es schmerzhaft gerade wenn man selbst anders gehandelt hat…