Vorteil und Risikomanagement

Ich mag den Euan Sinclair. Auf den ersten Blick einer von vielen „Experten“ auf dem Gebiet des Optionshandels. Doch wenn man sich seine Videos aufmerksam anschaut, dann lernt man doch etwas mehr als bei den üblichen selbsternannten Ausbildern, Schulungsanbietern und sonstigen Großmäulern.

Ich gebe zu, seine Bücher hätte ich mir eher erspart. Man lernt etwas von seiner Erfahrung als Market Maker. Oder man schaut sich seine Auswertungen der einzelnen Strategien an. Ich war am Ende immer enttäuscht. Ich erwarte wie schon seit 25 Jahren konkrete Tipps und den Verrat der eigenen Ideen. Das findet man bei ihm nicht. Nicht zuletzt weil er seit Jahren für diverse Asset Managern tätig ist. Da muss man etwas zurückhaltender sein.

Aber am Ende habe ich doch eine ganze Menge gelernt. Hier zwei aktuelle Videos.

Find Edge and Trade Volatility with Euan Sinclair | Money Talks – YouTube

How to Lose Money Trading Options | Algo Trading Conference 2022 – YouTube

Er ist kein großer Redner und sein Spachstil ist nüchtern und analytisch,.Ein Physiker halt, aber noch nüchterner als ich. Seine Botschaft kann man mit wenigen Wörtern zusammenfassen:

  • Glaubt nicht an Märchen
  • Die meisten Optionshändler verlieren Geld, weil sie an Märchen glauben

Genauer gesagt wird man doch des Besseren belehrt, wenn man vorher durch zahlreiche Tastytrades und sonstige Weihrauchkerzen benebelt worden ist. Er ist kein Charmeur, den man als Freund haben möchte. Aber liegt er wirklich falsch?

Ich habe die einzelnen Aussagen unter die Lupe genommen.

  1. Die meisten seiner Ausführungen drehen sich um den eigenen Vorteil im Optionsbusiness. Dieser entscheidet über unseren Erfolg. Damit widerspricht Sinclair der gängigen These, dass ein gutes Risikomanagement und „Disziplin ausreichend für den Erfolg sind. Als Beispiel nennt er das Lottospiel. Wenn ich diszipliniert und mit dem Gespür für das Risiko jeden Samstag meinen Lottoschein abgebe, werde ich trotzdem auf Dauer ein positives P&L erzielen? Nein! Die Lotto-Scheine sind maßlos überteuert. Ähnlich im Optionshandel. Der Kauf einer Kauf- oder einer Verkaufsoption kann durchaus profitabel sein, wenn eine heftige Bewegung im avisierten Zeitraum bevorsteht und ich es weiß. In jedem anderen Fall verliere ich den Einsatz.

Am 18.01.2023 verkaufte ich Deutsche Telekom Calls ( DTE), Strike 20 im Februar 2023 zu 0,6.

Der Kurs der Telekom stand bei 20,19. Heute am 30.01 steht der Kurs bei 20,35 und die Option ist 0,55 Euro wert. Ich habe gewonnen durch den Verkauf eines Calls, obwohl der Basiswert sich verteuert hat, weil ich den Call zum guten Preis verkauft habe. Ich muss zugeben mit Rückblick auf die letzten Monate war oft immer so. Dort wo ich geduldig auf meinen Preis wartete, profitierte ich automatisch davon.

Gut, ich hatte Glück, aber wann sehe ich den Vorteil im Optionspreis? Nun, dazu gibt es viele Publikationen. Es gibt offensichtlich Strategien wie Short Put Bull Spread die sehr oft vorteilhaft sind. Im allgemeinen verweist Sinclair auf das Verhältnis der impliziten zur realisierten Volatilität. Wann dieses Verhältnis günstig für mich ist, wird nicht beantwortet.

Zusammenfassend werden einige Strategien als grundsätzlich riskant abgestempelt. Zum Beispiel der so beliebte Verkauf von Strangles aus dem Geld. → Call und Put im selben Monat aber weit aus dem Geld mit einem Delta kleiner 10. Diese Trades enden meistens im Gewinn, aber die wenigen und seltenen Verluste sind so gigantisch, dass die Gewinne schlicht verzehrt werden. Es ist reine Mathematik.

Erstaunlicherweise wird der Verkauf von Straddles empfohlen. Dort haben beide Legs den gleichen Strike. Ich muss es testen.

  1. Risk Management Hier werden auch sehr bodenständige Tipps gegeben. Grundsätzlich können die „Retails“ nur durch eine hohe Diversifizierung das Risiko minimieren. Nicht aber durch den Kauf von Absicherungen – sog. Hedges. Diese liegen meistens sehr weit aus dem Geld und sind deshalb überteuert.
  2. Apropos überteuert, Euan Sinclair äußert sich immer wieder kritisch über da Konzept des „Schwarzen Schwans“. Scheinbar hält er nicht viel vom Ruhm Nassim Talebs und seiner Konsorten. Es gäbe keinen Beweis, dass Puts weit aus dem Geld unterbewertet sind, Hmm, ich selbst habe meine größten Gewinne der letzten Jahre gerade mit solchen Optionen gemacht. Aber ja, solche Ereignisse kommen so selten, dass man überhaupt kein Modell aufstellen kann. Trotzdem bleibe ich ein Befürworter des Black Swan, auch wenn die meisten Fonds, die auf ihn wetten, Geld verlieren. Gerade darum geht es.

Zusammenfassend, es kann nicht schaden, ein paar Ideen von einem professionellen Quant zu hören.

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