Warum wird im Oktober 2011 gegen die Banken protestiert?

In den deutschen Blogs wird das Thema konsequent ignoriert. Oder ich habe mir nicht genug Mühe  bei der Suche gemacht. Jedenfalls wird dort weiterhin  über die Finanzkrise und Social Media berichtet  oder eben über Investments harmlos berichtet.

Ich meide zwar diese Art von Themen, sehe mich jedoch sozusagen in Pflicht, ein paar eigene Worte zu den Massenprotesten zu schreiben.

Während des heutigen Besuchs in Frankfurt, welcher mit dem Abholen der Anzüge von der Reinigung begonnen hat, ging  ich zufällig am Kaiserplatz vorbei und nahm dann die Demo vor der EZB wahr. Ich hatte zwar in den Medien von den „Events“ in Deutschland gehört, hielt es aber für eine Randerscheinung.  Falsch! Es waren gefühlte 1 Tausend Menschen versammelt, die voll aufgebracht brüllten und im Kontrast zu der traumhaften Oktoberkulisse eine fast bedrohliche Stimmung verbreiteten.

Ich machte mir daraufhin einige Gedanken. Worum geht es bei den Protesten eigentlich? Sind es wirklich Banken, die an dieser Finanzkrise die Hauptschuld tragen? Ich bezweifle es. Banken haben zwar Geld an nicht solvente Schuldner wie Griechenland verliehen. Aber wurde da auch nicht seitens der Schuldner viel getrickst oder sogar betrogen? Letzten Endes werden die Banken durch die gleichen Argumente wie jedes andere privatwirtschaftliches Unternehmen   zur Ertragssteigerung motiviert. Es gibt Investoren, die eine Rendite auf ihr Kapital sehen wollen, die besser als der risikolose Zinssatz ist. Es gibt Produkte, die Banken verkaufen wie etwa Sparbriefe oder Hypotheken. Oder sie erbringen Dienstleistungen wie Beratung bei großen Kapitaltransaktionen.

Ich verstehe die Aufregung nicht. Banken beschäftigen immerhin fast 700.000 Menschen in Deutschland.

http://www.bankenverband.de/service/statistik-service/banken/anzahl-der-beschaeftigten-im-bankgewerbe

Sie waren und sind keine schlechten Arbeitgeber. Und die „gierigen Investmentbanker“ haben bei uns eher eine marginale Bedeutung. Es gibt mittlerweile sehr starke Kontrolmechanismen in den Kreditinstituten.

Ich glaube dennoch, die Gründe für die Proteste zu verstehen.  Zum Teil kann man sie mit den Maschinenstürmen im 19. Jahrhundert vergleichen. Nachdem damals die industrielle Massenfertigung viele Berufe aus dem Markt verdrängt hat, kam es zu Massenprotesten, in denen sich die Wut in Zerstörung der Maschinen äußerte. ( Wikipedia Maschinenstürmer).

Heute ist es die Globalisierung und die abstrakte Übermacht des Kapitals, die man mit den damaligen Maschinen vergleichen kann. Damals konnte man die Ursache der Krisen noch halbwegs orten, heute ist der unsichtbare Kapitalfluss, mit welchen ganze Volkswirtschaften vernichtet werden, nicht mehr greifbar und macht die Bürger umso mehr wütend ( „Wutbürger“).

Wir befinden uns am Anfang einer neuen Periode unsere Geschichte, in der der es kaum noch staatliche verordnete Schranken zwischen den Nationen und Ländern gibt. Nur noch die Effizienz des Marktes setzt  Grenzen. Die Menschheit wird zu einer Nation in einem Land. Es ist so gesehen eine Revolution. Es begann mit dem Internet und endet …?

Es ist aber nicht nur die Verunsicherung der Menschen im Zusammenhang mit dieser postindustriellen Revolution, die sie auf die Straßen treibt.

Es ist primär das alte Problem der ungerechten Verteilung der Einkommen und Vermögen in der Welt. Dieses Phänomen gab es in Feudalismus, Kapitalismus und dem sog. Sozialismus und damit unabhängig von dem technischen Fortschritt. Wenige von uns schaffen es immer, die Mehrheit auszubeuten.  Allen Argumenten von Leistungsbereitschaft zum Trotz – es ist ungerecht.

Ich finde es zynisch, wenn ich in den Medien höre, dass uns die Schwellenländer wie Brasilien helfen wollen. Sie sollen lieber ihre eigenen Slums und die sonst fast perversen Unterschiede zwischen arm und reich zuhause beseitigen, oder?

Ritholtz in The Big Picture geht zumindest, im Gegensatz zu unseren Bloggern, auf das Thema Ungerechtigkeit  ein und sucht wie ich dort nach der Ursache der Proteste. Hier sein Artikel zu der Einkommensentwicklung in den USA.

http://www.ritholtz.com/blog/2011/10/income-gain-distribution-1917-81-82-2000-2001-08/

Ein Kommentar gefällt mir besonders gut:

stonedwino Says:
October 15th, 2011 at 12:33 pm Anyone still questioning the motives of Occupy Wall Street…here is your answer in color, as plain as day.

Es ist also eine Demo gegen die Ungerechtigkeit. OK, und was nun? Ich weiß selbst nicht. Was soll schon die Transaktionssteuer bringen? Sicherlich wird sie bestimmte Transaktionstypen verteuern. Sind diese die Ursache für die Finanzkrise? Unsinn!!!

1. Der Verkauf von überteuerten kaum durchschaubaren Finanzinstrumenten wird von der Transaktionssteuer nicht betroffen.

2. Die Vergabe von Immobilienkrediten an insolvente Kreditnehmen auch nicht.

3. Schlechte Beratung von Kommunen auch nicht

 

Die Transaktionsteuer ist wieder einmal eine Art Maschinensturm.

Auch der Sozialismus ist keine Rettung. Schauen Sie sich Kuba, Nord Korea oder auch China an. Was hat die Wirtschaftspolitik in diesen Ländern mit Gerechtigkeit zu tun?

Es hat andererseits überhaupt keinen Sinn, alles zu verstaatlichen. Erstens wird die Leistungsbereitschaft der Menschen stark eingedämmt. Und zweitens, es werden sich wieder neue Eliten bilden, die die andren ausbeuten werden.

Ich sehe zurzeit keine dauerhafte Lösung, bei allem Verständnis für die heutigen Proteste. Eine von SPD-Chef Gabriel vorgeschlagene Trennung des Investmentbanking von Geschäftsbanken erscheint mit seit langem unvermeidbar. Eine Verstaatlichung der Banken ist aber keine Lösung.  Stellen Sie sich vor, überall gäbe es nur staatliche Banken. Was wäre die Folge? Ich kann Ihnen sagen – hohe Preise und kaum Produkte und schlechte Beratung. Wenn sich aber der Staat stets an Banken beteiligen wird, dann werden doch diese quasi verstaatlicht.

Warum protestiert niemand gegen die überhöhten Preise für Rohstoffe und Energie? Oder gegen extrem hohe Preise für Autos. Wissen Sie welchen Anteil Vertrieb und Werbung an einem VW-Golf hat? Wissen Sie, dass ein Facharbeiter dort 60.000 @ im Jahr verdient. Alles unser Geld. Warum protestiert keiner gegen die gnadenlose Ausbeutung  und Diskriminierung  der Familien? Warum muss ich 20-30% mehr für eine Ferienreise zahlen, wenn ich diese in   den Schulferien antreten will. Warum protestiert keiner gegen die Übermacht der schlechten verbeamteten Lehrer?

Es gibt genug Gründe, um wütend zu sein. Gründe die man eher beseitigen kann als eine hochkomplexe Finanzkrise.

Übrigens – wenn jemand einen guten Blogbeitrag zu diesem Thema finde, wäre ich für einen Hinweis dankbar!

 

 

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