Holen die Polen die Deutschen wirtschaftlich ein? Ja, aber nur in einem Staat.

Ich amüsierte mich nicht wenig, als ich in der heutigen Ausgabe der „Welt“ das Interview mit Leszek Balcerowicz gelesen habe.
Die alten deutsch-polnischen Klischees und Vorurteile leben offenbar auch 25 Jahre nach der Wende unverändert weiter.
http://www.welt.de/politik/ausland/article111334483/Polen-wird-Deutschland-bald-einholen.html
Der Wirtschaftswissenschaftler ist eine sehr geschätzte Person. Sein größter Verdienst  ist die friedliche und ziemlich schmerzfreie Einführung der Marktwirtschaft in Polen. Gemäß dem simplen Prinzip (Balcerowicz Plan) „keine Mindestlöhne, keine Höchstpreise und freie Umtauschbarkeit der Nationalwährung“ vollbrachte Polen das Unmögliche.
Ich lebte damals nicht mehr in Polen und glaubte so richtig nicht, dass das Land in weniger als 20 Jahren zu den dynamischsten Volkswirtschaften Europas gehören wird. Nun ist Polen in aller Munde. Das Land gehört in die gleiche Reihe der Staaten, wo auch Deutschland, Niederlande und Dänemark sind.  Polen ist mehr Nord- als Osteuropa.  Sparsam und fleißig.
Nun aber zurück zum Interview. Balcerowicz erwartet, dass Polen „bei einem guten Szenario“ in 20 Jahren Deutschland wirtschaftlich einholen wird! Wahrscheinlich meint er das Pro-Kopf Einkommen.
In der Tat ist das Durchschnittseinkommen in Polen drastisch gestiegen, genauso wie die Preise.
Aber woran lag das?
Ist es das heute vom Bundespräsidenten so gelobte Fleiß? Nicht wirklich. Denn die Jahresarbeitszeit in Polen ist zwar deutlich höher als in Deutschland, wie die Statistik von EURSTAT zeigt.
Durchschnittlich geleistete Jahresarbeitszeit pro Kopf (einschl. Teilzeitkräfte )
2004         2005
1.    Korea      2.380        2.351
2.    Polen      1.957        1.970
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1.    Deutschland 1.360      1.372
Die Arbeitsproduktivität in Polen liegt bei etwa 30% des deutschen Niveaus (Quelle EURSTAT).
Woher kommt also der Optimismus  in Bezug auf die Wirtschaftsleistung der Polen?
Die Antwort ist relativ simpel. Neben den schnell und effizient  durchgeführten Reformen 1989-1990 sowie neben dem Erlass der Staatsschulden  gibt es einen banalen Grund innerhalb der Bevölkerung.
Laut „Wprost“ (wprost.pl )arbeitet mindestens 10% der polnischen Bevölkerung im Ausland – ca.- 3 Millionen. Die Dunkelziffer dürfte viel höher liegen.  In meinem Freundeskreis sind fast nur Akademiker.  Und alle haben bereits  entweder im Ausland gearbeitet oder haben es vor. Es trifft für Lehrer, Ingenieure,  IT-Kräfte, Handwerker und Pflegekräfte zu.

Das ist die Quelle des polnischen Wirtschaftswunders.  Arbeiten ja, aber nicht zu Hause. Dort verdient man zu wenig, weil eben die Gastarbeiter die Preise nach oben treiben und die Löhne sehr flexibel sind.

Es ist bemerkenswert, dass ein so erfahrener und angesehener Wirtschaftswissenschaftler wie Herr Balcerowicz es nicht einsieht. Letzten Endes scheint er genauso wie ein Arbeiter aus Warschau an die deutsche-polnischen Klischees zu glauben. Auch in seinen Äußerungen erkennt man die Minderwertigkeitskomplexe der Polen gegenüber den Deutschen.
Völlig unberechtigt! Ich glaube Polen und Deutsche unterscheiden sich kaum in ihrer Mentalität voneinander.
Jetzt wage ich eine noch provokantere These. Da so viele Polen in Deutschland arbeiten und so viel deutsches Kapital in Polen investiert worden ist, darf man allmählich von der Verschmelzung beider Länder sprechen.
Vielleicht wird es in 20 Jahren kein Deutschland und Polen sondern ein Staat   Deutsch-Polen oder Zentraleuropa  geben! Unter diesen Umständen wird auch die Vision von Balcerowicz wahr 

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